Und was macht man mal damit?

Nach dem Abitur musste ich die wichtigste Entscheidung meines Lebens treffen: Was sollte ich studieren? Als Japanliebhaber war klar, dass es Japanologie sein musste. Doch ich konnte nicht ahnen, worauf ich mich da eingelassen hatte.


1. Japanologie ist keine Berufsausbildung


Rikkyo Universität Tokyo (ein Jahr lang war ich hier)


Japanologie? Was macht man denn damit?

Irgendwelche Arschis – seit 1950

Jeder der diese Frage schonmal gehört hat, kann gerne mal einen Kommentar hinterlassen. Doch so nervig die Frage ist, so berechtigt ist sie auch, wie ich während des Studiums feststellen musste.

Schwarz ist das neue Schwarz

Wer Maurer lernt, wird Maurer. Medizinstudenten werden zu Ärzten, Juristen zu Anwälten. Aber was werden Japanologen?

Die Universität bietet dir keine Berufsausbildung oder ein Staatsexamen, in dem du alles lernst, um bestimmte Positionen auszufüllen, sondern eine wissenschaftliche Ausbildung.  

Ziel deiner Dozenten und Professoren ist es primär, dich zu einem Wissenschaftler zu machen. Das gilt so ziemlich für jeden Studiengang und ganz besonders für Geistes- und Kulturwissenschaften.

Wenn das aber nicht dein Ding ist, solltest du dich fragen:


“Brauche ich denn wirklich ein Studium oder reicht nicht eine Ausbildung, die mir einen klaren beruflichen Weg vorgibt?”

Oder, falls du wirklich studieren willst:


“Wie schaffe ich es trotzdem, berufsrelevante Fähigkeiten zu lernen?”


2. Hardskills sind wichtiger als Softskills


The Body of Knowledge (Frankfurt Universität)


Irgendwann habe ich mich in meiner Uni-Zeit in zahlreiche Softskill-Workshops eingeschrieben, weil ich dachte, das würde meinen Marktwert erhöhen. Doch der Effekt davon war eher marginal.

Geistes- und Kulturwissenschaftler sind üblicherweise Träger zahlreicher Softskills, was an und für sich eine super Sache ist.

Sie können sehr gut kommunizieren, recherchieren und sich in andere hineinversetzen, wodurch es im Berufsalltag, vor allem mit Kundenkontakt, oftmals reibungslos flutscht.

Was aber viele dieser Wissenschaftler, nicht (so zahlreich) haben, sind Hardskills. Das sind all jene Skills, die wirklich greifbar und messbar sind, um es mal stark vereinfacht auszudrücken.  

C++ programmieren zu können ist zum Beispiel ein Hardskill. Oder Statistiken aufstellen und eine Sekundäranalyse ausführen zu können, wäre auch einer. Oder Japanisch sprechen können ist auch ein Hardskill.

Der große Unterschied zu Softskills ist, dass man nicht einfach behaupten kann, einen besonderen Hardskill zu haben. Ein Japanologe kann in seinen Lebenslauf schreiben, dass er gut im Team arbeiten und sich in Leute hinein versetzen kann.

Jeder andere Student kann das aber auch reinschreiben und wer sollte diesem das Gegenteil beweisen können?

Für Softskills gibt es keine Messwerte. Für Hardskills schon. Niemand kann einfach behaupten, dass er Japanisch kann, obwohl er es nie gelernt hat. Wer es doch versucht, fliegt spätestens dann auf, wenn das Vorstellungsgespräch auf Japanisch stattfindet.  

Aus dem Grund sticht man mit einem guten Set an Hardskills direkt aus der Masse heraus. Dein Ziel im Studium sollte es also sein, Hardskills zu sammeln und diese auf einem guten Level beherrschen zu können.

Man könnte sich sein eigenes Skillset wie einen Motor vorstellen, indem die Hardskills Zahnräder und Kolben sind und die Softskills das Schmieröl, damit der Motor reibungslos läuft.  

Im Notfall kann ein Motor mit viel Geknirsche und Rauch auch ohne Schmieröl laufen, während aber ein Motor in dem sich nur Öl befindet, überhaupt nicht laufen wird.

Im Idealfall hat man aber am besten Hard- und Softskills, die ineinandergreifen, damit alles läuft wie geschmiert.


3. Japanisch ist dein Rammbock in den Job


Japanisch zu lernen ist anstrengend aber unerlässlich für deine Karriere. Wer wie ich am Anfang des Studiums das Lernen schleifen lässt, muss später in kurzer Zeit alles nachholen.

Besonders in den ersten Semestern hatte ich die Bedeutung des Japanisch Lernens extrem unterschätzt. Stattdessen habe ich gerne mal den Unterricht geschwänzt, was sich heute rächt.

So verkennen auch die meisten Japanologen die Bedeutung, des oftmals einzigen Hardskills, den sie im Studium erwerben.

Japanisch Lernen wird oft als lästige Pflicht betrachtet und es wird nur das Nötigste getan, um die Prüfungen zu bestehen.

Erst wenn der Bewerbungsmarathon beginnt, fangen sie an zu realisieren, dass sie eine große Chance aus der Hand gegeben haben. Ich habe hier in Japan gesehen, dass Leute nur aufgrund überragender Japanischkenntnisse an ihre Jobs gekommen sind, obwohl sie, außer der Sprache vielleicht nicht viel vorzuweisen hatten.  

Eine Fremdsprache wird nur dann zu einem Hardskill, wenn man diese auf einem sehr guten Level beherrscht. “Ein bisschen” Japanisch sprechen zu können, wird dich nicht voranbringen. Auf Business Level sprechen zu können hingegen schon.  

Verlass dich im Studium zudem nicht auf den Japanischunterricht selbst. Du musst die Sprache für dich selbst lernen und sie ständig anwenden.

Dein Ziel sollte es sein, bis zum Ende des Studiums mindestens JLPT N2 Niveau (Businesslevel Japanisch) zu erreichen, am besten noch N1 (nahezu Muttersprachler Japanisch).  

Hier aber noch ein Einwand einer meiner Leser früherer Artikel: Sprachen sind Hardskills, werden aber oftmals als “Brückenskills” betrachtet.  

Wer nur Japanisch kann, baut zwar eine Verbindung zur japanischen Seite auf, kann dann aber nichts mehr Nützliches beitragen, ohne einen weiteren sprachenunrelevanten Hardskill (es sei denn du willst unbedingt Dolmetscher werden).  

Ein Beispiel: Ein Informatiker der Japanisch kann, hat für eine Firma einen höheren Marktwert, als der Japanologe, der sich nur auf die Sprache konzentriert hat. Dennoch finde ist Japanisch der relevanteste und wichtigste Skill für jeden Japanologen.


4. Studieren ist Zeitverschwendung


Gerade in Vorlesungen, mit Gruppenreferaten und ewig langen Power Points, wird viel Zeit in den Sand gesetzt, die man sinnvoller nutzen könnte.

Als es endlich ans Bewerben ging und Vorstellungsgespräche anstanden, wurde mir eines sehr schnell klar:

Es wurde viel über meinen Nebenjob als Hiwi gesprochen und auch über meine ehrenamtliche Tätigkeit bei einem japanischen Filmfestival, über die Arbeit in der Institutsgruppe der Japanologie, mein Doppelstudium, welches ich extra angefangen hatte und über meine Social Media Projekte.

Aber weißt du, worüber niemand gesprochen hat? Über mein Zeugnis, meine Noten und was ich eigentlich im Studium gelernt und erforscht hatte.  

Da habe ich mich echt geärgert, da mir bewusst wurde, dass ich noch viel mehr hätte machen können. Stattdessen habe ich viel Zeit aufwenden müssen – besonders in späteren Semestern – um Hausarbeiten zu schreiben, über die nie je ein Mensch sprechen würde.

Irgendwann wurde mir das Studium regelrecht zur Last, weil ich merkte, dass es mich von relevanten Dingen abhielt und ich viel Energie aufwendete, um halbwegs gute Noten zu schreiben, die später niemanden interessieren sollten.

Wäre ich wirklich clever gewesen, hätte ich nur das absolute Minimum im Studium gemacht und mich stattdessen in noch mehr außeruniversitäre Tätigkeiten gestürzt, um noch mehr Erfahrungen und Hardskills zu sammeln.

Anstatt also Jahrgangsbester zu werden, solltest du dir überlegen deine Energie zu sparen, um Projekte neben der Uni zu starten und Japanisch zu lernen. Zumindest wenn du sowieso kein Wissenschaftler werden willst.

Ich weiß, dass dieser Punkt derjenige ist, für den ich am meisten kritisiert werde. Aber wenn du sowieso nicht in die Forschung gehen willst, ist das meiste, was du lernst irrelevant.

Es sei denn du schaffst es auch hier das Gelernte in etwas Nützliches umzuwandeln. So wie ich versuche auf meinen Social Media Kanälen mein Wissen anzuwenden, um euch Mehrwert und Unterhaltung zu bringen.

5. Japanologie ist nur leicht, wenn du falsch studierst

Deine Erwartung vom Studium = der Taifun links.
Die Realität des Studiums = der Taifun rechts.

Japanologie? Das ist doch so ein Fach, wo man nur rumlabert und das einem ganz leicht fällt? Ihr armen Irren…

Besonders zu Beginn des Studiums habe ich viele Studenten kennen gelernt, die Japanologie gewählt haben, weil sie dachten, das Fach sei „leicht“ oder die einfach irgendein Fach gewählt haben. Dass das Studium voll gepackt ist mit harten Aufgaben wurde gekonnt ignoriert. Stattdessen hat man versucht sich irgendwie durchzuwurschteln.

Auch mitten im Studium sind mir viele Kommilitonen untergekommen, die jeden Aufwand vermieden haben. Anstatt das anspruchsvolle Praktikum beim japanischen Filmfestival in Frankfurt zu machen, sind sie lieber als Praktikant hinter die Theke der winzigen Bibliothek der Japanologen.

Doch nicht aus Interesse, was sehr nobel und total in Ordnung wäre, sondern O-Ton: „Weil es einfacher ist“.

Bei meiner Arbeit in der Institutsgruppe der Japanologie habe ich Erstsemester kennen gelernt, die gejammert haben, dass sie pro Woche 60 Seiten Text oder mehr lesen und zusammenfassen müssten. Auch hier wurde bereits ab Tag Eins jede Anstrengung zu vermeiden versucht.

Mein Einwand, dass in Zukunft Hausarbeiten und Abschlussarbeiten viel einfacher würden, wenn man am Anfang des Studiums bereits viel Textarbeit leistet, verhallte ungehört in den Korridoren der Japanologie. Stattdessen wurde einfach voneinander abkopiert.

Doch was keiner geahnt hat:

Wer es sich am Anfang leicht macht, macht es sich später schwer.

Nach dem Studium kommt dann die Stunde der Wahrheit und der zukünftige Chef fragt dich, was du eigentlich kannst oder vorzuweisen hast. Und der Aufwandvermeider wird nicht viel vorzuweisen haben. Und ab da beginnt die Bewerbungshölle und das Leben wechselt vom Easy Mode in den Hard Modus.

Erfolgreiche Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie es sich anfangs schwer machen, um es später leichter zu haben. Japanologen gehören leider selten dazu. Die meisten versuchen nur das Nötigste zu erledigen und zementieren so ein schlechtes Bild der Zunft.

Viele Chefs vermuten sowieso schon, dass Japanologen nichts „Nützliches“ können. Durch die Studenten, die es sich einfacher machen und jede Anstrengung vermeiden, (die ihnen eigentlich später helfen könnte) wird diese Vermutung oft auch leider Realität.

Aus diesem Grund sind die Japanologen, die heute sicher in Lohn und Brot stehen, auch immer die gewesen, die sich in jede offene Aufgabe gestürzt und bewusst Fehler gemacht und daraus gelernt haben.


6. Ohne Vitamin B kein Job


Wer relevante Leute kennen lernen möchte sollte sich in Schale werfen und viele Klinken putzen.



“Du bist die Summe deiner Kontakte”
.

Irgendjemand aus dem Internet – viel zu spät

Das war ein Satz, den ich recht spät erst realisiert und akzeptiert hatte. Denn ich war ziemlich schüchtern und teilweise sozial scheu (wie die meisten Japanologen).

Ein breites Netz aus Kontakten ist aber unerlässlich, um später einen Job zu finden. Meine Erfahrung ist, dass die meisten Firmen nur eine öffentliche Ausschreibung für einen neuen Job machen, wenn es gar nicht anders geht.  

Das bedeutet, dass viele Firmen und Institutionen erstmal gucken, ob sie noch ein paar alte Bewerbungen in der Schublade haben oder im engen Umfeld herumfragen, ob jemand jemanden kennt, der für den Job in Frage käme.

Zwei wichtige Dinge leiten sich daraus ab:

Erstens solltest du Initiativbewerbungen schreiben, denn auch wenn nichts ausgeschrieben ist, heißt das nicht, dass nichts frei ist oder wird.

Zweitens solltest du dir ein breites Netz an Kontakten aufbauen, indem du jedem kurz darstellst, was du kannst und wofür du stehst. So können sich die Leute an dich erinnern, wenn es irgendwann soweit sein sollte.

Sieh es wie Marketing: Du kannst das tollste Produkt herstellen, mit dem besten Kundennutzen, aber wenn es keiner kennt und nie jemand was davon gehört hat, wird es trotzdem keiner kaufen.  

Bei meinen eigenen Kontakten stehe ich unter zwei Schlagworten: Japan und Social Media. Immer wenn in dieser Rubrik etwas aufkam, wurde ich kontaktiert. Auf diese Weise habe ich mein Praktikum bekommen und ganz indirekt auch meinen Job.

Manchmal reicht es auch, nur die eine richtige Person zu kennen. Doch du kannst nie wissen, wer die “richtige” Person sein wird. Wirklich jede Person kann dir potenziell weiterhelfen.

Also solltest du stets in die Breite gehen und am besten zu jedem einzelnen Menschen sehr nett und zuvorkommend sein und nebenbei mal fallen lassen, was du machst und planst.

Gerade studierte ich noch Japanologie und nun verkaufe ich Tee.


7. Du MUSST nach Japan

Japanologie ist das, was du draus machst.

Mir fiel später in meinem Studium immer wieder auf, dass gerade die, die am lautesten schreien, sie würden Japan ja so sehr lieben, am allerwenigsten Interesse an Land und Kultur haben.

Vornehmlich sind das Leute, die sich nur für Japan interessieren, weil sie Manga und Anime mögen. Dass Manga und Anime aber nichts mit der Realität in Japan zu tun haben, muss man dir hoffentlich nicht erst erklären.

Wenn doch, wird dir in der Japanologie erstmal ordentlich der Kopf gewaschen. Anstatt Naruto, One Piece und Sailor Moon steht dort Arbeitskultur, Faschismus und Feminismus auf dem Lehrplan.

Das führt dann zu sehr hohen Abbrecherquoten in der Japanologie, weil die, die angeblich Japan ganz besonders “lieben”, enttäuscht sind von der Realität.

Ich kannte auch einige von diesen Studenten, die tatsächlich länger durchgehalten haben als gedacht und sogar das Glück hatten nach Japan zu gehen.

Dort haben sie sich dann nur in ihr Zimmer eingesperrt und sich vor der Außenwelt versteckt. Insgeheim hatten sie gehofft ein buntes, schrilles und futuristisches Japan zu erleben. Stattdessen bekamen sie ein graues und abweisendes Japan, mit Architektur aus den 60ern.

Und zu allem Überfluss mussten sie auch noch feststellen, dass man als hitziger Anime und Manga-Fan auch in Japan ein gesellschaftlich gemiedener Außenseiter ist. Autsch!  

Ich hatte nur das Glück, dass mich das reale Japan allgemein genauso fasziniert hat, wie die Darstellungen in der Popkultur. Wer akzeptiert, dass Japan nicht das pinke Zuckerwatte-Land ist, sondern die Dinge so annimmt, wie sie sind, wird um einiges erfolgreicher im Studium sein und muss sich nicht in seinem Zimmer verstecken, wenn er in Japan ist.

Das zu verstehen ist essentiell für ein erfolgreiches Studium, in dem es dein Ziel sein sollte, nach Japan zu gehen. Sei es als Austauschstudent, als Working Holiday-Visanutzer, als Sprachschüler oder als jemand, der in der Pampa auf einem Bauernhof aushilft.

Allein in Japan gewesen zu sein, wird deinen Marktwert massiv anheben und dein Studium komplettieren. Einen Handwerker, der noch nie ein Rohr verlegt hat, wirst du auch nicht deine Sanitäranlagen installieren lassen. Genauso ist es mit Japanologen, die noch nie in Japan waren.

Also solltest du viel Zeit aufwenden für die Recherche, wie du nach Japan kommst.


Fazit

Das Studium ist ein Zustand voller Ungewissheit

Wenn du bis hier gelesen hast, wird dir aufgefallen sein, dass so ein Japanologiestudium im Grunde ein Vollzeitjob ist, schließlich muss man Skills, Erfahrungen und Kontakte anhäufen wie verrückt.

Doch sieh es mal so: Dein Kumpel, der sich nach der Schule für eine Ausbildung entschieden hat, muss jeden Tag von früh bis spät schuften und das teilweise auch am Wochenende. Warum sollte es dir besser gehen als ihm?

Umso früher du das im Studium verstehst, umso besser kannst du deine eigene Zukunft in die Hand nehmen und selbst gestalten.

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