Maid Cafés in Akihabara

Tokyo ist berühmt dafür eine große Bandbreite an Cafés mit verrückten Themen zu haben, um im undurchsichtigen Dickicht der Konkurrenz überhaupt noch aufzufallen.

Eine besondere Art, die sich dabei herausgebildet und etabliert hat, ist das sogenannte Maid Café, in dem sich die jungen Angestellten als französische Dienstmägde verkleiden und ihre Gäste als Herren oder Herrinnen behandeln.

Sehr lange habe ich mich vor dem Thema gedrückt, da mir das ganze Konzept sehr fragwürdig vorkam. Denn gerade in Deutschland reagieren viele Menschen sensibel auf so ein Konzept.

Ich schäme mich

Da ich ein schwacher Mann bin, konnte ich dem Freund nichts widersetzen, der mich dazu drängte endlich nach Akihabara zu fahren, um uns ein Maid-Café anzusehen. Er war total begeistert, als er auf der Webseite des Maid Cafés sich die Mädchen, die dort arbeiteten, ansah, deren Fotos angeordnet waren wie auf einem Beat ‚em up-Auswahlbildschirm.

Er lachte. Eines der Mädchen nannte sich „Ulf“ oder wie Japaner es aussprechen: „Urufu“. Dass Ulf ein süßer Mädchenname sein könnte, kam mir bis dahin gar nicht in den Sinn. (Warum nur?)

Ein berühmter Ausspruch, den Maids häufig tätigen, ist „moe moe“. „Moe“ ist ein Ausdruck, der benutzt wird, wenn man jemanden oder etwas sehr ansprechend, süß oder hübsch findet.

Drollige Mädels, die im Dienstmagd-Outfit tanzen, sind „moe“. Ein kleiner süßer Anime-Charakter ist auch „moe“. Zwei große schwitzende Kerle wie wir sind es aber nicht. Das hielt meinem Freund auf dem Weg zum Café aber nicht davon ab, in Vorfreude auf das Café die ganze Zeit: „moe moe“ zu rufen wie die Maids im Café.

Scham vs. Informationsauftrag

Natürlich war ich neugierig, denn Maid Cafés existieren schon seit fast zwei Jahrzehnten und sind ein integraler Bestandteil der Stadtkultur in Akihabara. Und außerdem wollte ich auch meinen Followern wie immer Skurriles aus Japan zeigen und meinem Informationsauftrag nachkommen.

Doch zu der Zeit hatte ich eine Freundin und wusste nicht, wie sie darauf reagieren würde, wenn ich mit einem Freund in ein Establishment gehen würde um mir fremde Mädchen anzuschauen.

Doch der Freund war nicht mehr aufzuhalten und schon standen wir vor dem Aufzug eines Hochhauses inmitten von Akihabara, dem Otaku-Paradies in Tokyo. Wir fuhren bis hinauf in den siebten Stock, wo uns die Maids bereits entgegen riefen:

„Willkommen zurück zuhause, mein Herr!“

Das Schauspiel hatte also begonnen und es gab kein Zurück mehr. Wie jemand, der sich an der Türklingel geirrt hatte und trotzdem reingelassen wurde, folgte ich der freundlichen Magd zu unseren Plätzen an der Bar.

Am Ende des Raums gab es eine Bühne, in der die Maids Tänze aufführten und sangen. Dort konnte man auch offiziell ein oldschooliges Polaroid-Foto mit seiner Lieblingsmaid machen (gegen eine Gebühr versteht sich).

Das war auch die einzige Gelegenheit zu fotografieren, denn die Regeln waren knallhart:

  • Fotos von den Maids sind verboten!
  • Berühren der Maids ist strengstens untersagt!
  • Fragen nach den richtigen Namen oder den Leben der Maids sind untersagt!
  • Wer sich unsittlich verhält fliegt raus!

Wer wollte, konnte sich die Maid, die einen bedienen soll, frei aussuchen, wenn diese verfügbar war. Wenn man keinen Wunsch hatte, bediente einen einfach die Erstbeste. Da wir neu waren, hatten wir keine Präferenzen und so bediente uns eine junge Dame mit zwei Zöpfen und erklärte uns das Menü.

Maids vs. Feminismus

Es gab verschiedene Drink-Sets mit alkoholischen oder alkoholfreien Getränken und auch kleinere Gerichte. Doch egal was man bestellte, alles hatte kleine Katzenohren oder war so schrill bunt, als wäre jemand mit einem Laster voller Glitter in eine Konfettifabrik gerast.

Jeder Menüpunkt beinhaltete auch ein kleines Spiel mit der Maid. Wir nahmen den billigsten Drink, der tief blau strahlte und uns mit einem „Moe-Moe“-Spiel dargeboten wurde. Ich hatte keine Ahnung, was das war.

Dann sah ich mich um. Als Japano-Soziologe interessierte mich natürlich extrem, was für eine Klientel hier verkehrte. Wie erwartet waren die meisten Gäste junge Männer, doch es gab auch ältere Geschäftsmänner und auch Frauen. Einige spielten mit den Maids ein Kartenspiel, ein anderer las einfach in seinem Buch und trank einen Kaffee, wieder andere unterhielten sich lebhaft mit der Maid, die vor deren Tisch stand.

Vielleicht war das ganze gar nicht so anrüchig? Vielleicht war das ganze nur ein normales Café mit verrücktem Thema? Dennoch blieben Zweifel. Werden die Frauen hier nicht irgendwie… objektiviert? Oder gar unterdrückt?

Die Maids boten gegen Geld ihre Aufmerksamkeit an und spielten die süße Dienerin für ihren „Herrn“. In der Diskussion um die Gleichberechtigung ist das ganze Konzept natürlich fragwürdig.

Während wir auf unsere Drinks warteten, leistete uns eine andere Maid Aufmerksamkeit, damit wir uns nicht langweilten. Als sie hörte, dass ich aus Deutschland komme, begann sie auf Deutsch zu sprechen. Amüsiert fragte ich sie, ob sie auch an der Uni Deutsch lernte, wie meine japanischen Kommilitonen…

Autsch! Regelverstoß!

Zum Glück reagierte die Maid ganz cool und sagte zwinkernd:

„Aber mein Herr, ich gehe doch auf die Akademie für Magie und Zauberei!“

Puh. Gerade noch gerettet. In dem Café war es Standard, dass die Mädchen diverse Floskeln in verschiedenen Sprachen lernten, um auch Touristen bedienen zu können. Und alle schienen Hogwarts besucht zu haben. 

Der Pakt mit dem Teufel

Dann kam auch die andere Maid mit unseren Drinks zurück. Bevor wir trinken konnten, sollten wir jedoch unsere Hände zu einem Herzen formen. Wie bitte?

Die Maid wies uns an, dass wir nun den Geschmack aktivieren müssten, mit der Kraft des „moe moe“. Wie bitte?

Sie begann mit dem Herz vor ihrer Brust zu tanzen. Dann sah sie in mein entgeistertes Gesicht.

„Sie müssen schon mitmachen, mein Herr!“

Ich als erwachsener Mann sollte meine Hände zum Herz formen und tanzen? Alles in mir sträubte sich, zumal ich nicht so ganz freiwillig hier war. Doch die Maid würde nicht weitermachen, bevor wir den „Moe Moe“-Tanz aufgeführt hätten.

Also formte ich meine Hände zu einem Herzen. Dann sah ich es: Im Lächeln der Maid blitzte für einen Sekundenbruchteil das Antlitz Satans auf. Als wir herumzuwippen begannen, intensivierte sich ihr teuflisches Grinsen, da sie wusste, dass sie mir alles geraubt hatte: meine Ehre, meine Männlichkeit und meinen letzten Funken Stolz als Erwachsener.

Ich fühlte mich erniedrigt und zu einem Objekt degradiert. Wie ein geschlagener Hund trank ich meinen „Furi-Furi-Shaka-Shaka“-Cocktail und suchte meine Ehre auf dem Fußboden.

Die einzigen, die in so einem Café zu Objekten degradiert wurden, waren die einsamen Gäste, die in der Hoffnung auf etwas mitmenschliche Wärme bei obskuren Machtspielen noch einmal lebhaft vor Augen geführt bekamen, wie weit abseits sie bereits von der Gesellschaft standen.

Das schwere Leben der Abweichler

Gerade Touristen werden kaum bemerken, was hinter solchen Angeboten wie Maid Cafés steckt, da sie diese nur als einen skurrilen Auswuchs der Großstadtkultur betrachten, die ulkigen Spiele einfach mitspielen und das ganze als „Japan-Kuriosität“ in ihrem Kopf abhaken.

Wer sich etwas mehr damit befasst, wird die Sexismus-Route gehen und sagen, dass alles, was Maid Cafés zugrunde liegt, einfache Frauenfeindlichkeit wäre. Dann lächelt diese Person milde, als hätte sie den Da Vinci Code geknackt, und hakt das Thema auch in ihrem Kopf ab.

Dabei sind Maid Cafés nur eine von vielen Ausprägungen einer sich verändernden Gesellschaft.

Nach dem zweiten Weltkrieg in der Wirtschaftswunderphase hat sich in Japan etabliert, was es bedeutet “gut” zu leben. Dazu gehörte es sich dem System zu unterwerfen und dafür eine sichere Anstellung in einer großen Firma zu erhalten, der man für den Karriereaufstieg nur loyal dienen musste, wenn man ein Mann war. Als Frau musste man eine loyale Hausfrau und Mutter sein, die vom Mann finanziell getragen wurde und diesem dafür das Leben einfacher machte.

Das ging solange gut, bis in den 80ern die Spekulationsblase platzte und Japan seitdem fast schon drei Jahrzehnte in einer Rezession versunken ist. Anstellungen auf Lebenszeit und sichere Arbeitsplätze wurden seitdem rar und junge Menschen mussten härter um diese kämpfen. Dadurch steht der jungen Generation weniger Geld zur Verfügung, wodurch sie das gleiche Leben, das die Vorgängergeneration in der Wirtschaftswunderphase leben konnte, selbst nicht führen können.

Das alles wäre kein großes Problem an sich. Doch trotz dessen, dass sich Wirtschaft und Alltag geändert haben, bleiben die gesellschaftlichen Erwartungen die gleichen wie damals. Ein Mann soll einen gut bezahlten Job mit hohem gesellschaftlichen Prestige finden und die Frau soll eine gute Hausfrau sein und die Kinder liebevoll großziehen, anstatt sich im Job zu zerreiben.

Damals wie heute: Schafft man es nicht diese Bedingungen zu erfüllen, gilt man als Versager in der Gesellschaft und wird geächtet. Nur lassen sich diese Bedingungen heute kaum mehr erfüllen. Junge Menschen können also nur verlieren.

Doch um sich gar nicht erst dem Urteil der Gesellschaft auszusetzen, versuchen viele junge Menschen sich abzuschotten. Manche verkriechen sich komplett in ihrem Zimmer und verwahrlosen, andere meiden den Kontakt zu anderen, um sich nicht der Gefahr auszusetzen verurteilt zu werden und sich rechtfertigen zu müssen, warum man denn noch keinen guten Job habe oder noch nicht geheiratet hat, obwohl man schon über 30 ist.

Die japanische Gesellschaft lässt keine Gelegenheit aus, um Abweichlern aufzuzeigen wie erbärmlich sie eigentlich sind und diesen ein schlechtes Gefühl zu machen. Selbst als Ausländer, der normalerweise eher milde beurteilt wird, spüre ich den Druck der japanischen Gesellschaft und selbst vor Fremden komme ich oft in die Situation mich für meine Lücken im Lebenslauf und meine Entscheidungen (die ja eigentlich nur mich was angehen) rechtfertigen zu müssen. Wenn ich also den Druck schon spüre, wie schlimm ist es dann für Japaner, die ihr ganzes Leben schon unter dem Druck stehen?  

Wäre es da nicht schön einen Ort zu haben, an dem andere Menschen nicht auf einen herabblicken und selbst kleine Errungenschaften loben und man sich wenigstens für kurze Zeit gut fühlen kann? Genau das sind Maid Cafés.

Das Geschäft mit der Einsamkeit

Maid Cafés sind aber nicht die einzigen Einrichtungen im Geschäft mit der Einsamkeit. Im Grunde gibt es für jedes Bedürfnis einen Ort, an dem dieses befriedigt wird. Wem körperliche Nähe fehlt, der kann zu einem “Kuschelcafé” gehen und mit der Bedienung ganz unschuldig kuscheln ohne Fragen zu beantworten.

Als Frau kann man auch in das Gegenstück der Maid Cafés gehen, dem Butler Café, in dem Frau von ihren Dienern umschwärmt wird. Es ist also nicht so, dass diese Einrichtungen stets auf einsame Kerle ausgerichtet sind.

Dazu gibt es noch weniger obskure Sachen wir Host- oder Hostessenbars oder sämtliche Angebote im Rotlichtmilieu.

All diese Etablissements haben gemeinsam, dass man keine Angst haben muss verurteilt zu werden für die Entscheidungen, die man im Leben getätigt hat. Und während das andere Geschlecht im echten Leben eher verächtlich auf einen herabschaut, bekommt man in Einrichtungen wie Maid Cafés wenigsten für eine kurze Zeit das Gefühl geliebt und akzeptiert zu werden.

Auch wenn dies nur eine Illusion ist und die Angestellten in Wahrheit vielleicht sogar trotzdem auf einen herabschauen und einen teuflisch angrinsen, während sie einen zwingen den “Moe Moe”-Tanz aufzuführen und sich komplett zum Affen zu machen.

Dass man dafür andere Menschen bezahlen muss, weil die Gesellschaft es nicht schafft Liebe und Akzeptanz von sich aus zu geben, ist aber der eigentliche Skandal beim Thema Maid Cafés.

Der unterbewusste Fetisch Japans

Jetzt hatte ich also nicht nur ein schlechtes Gewissen wegen meiner Freundin, sondern fühlte mich auch noch schmutzig. Geschlagen verließen wir das Café und bekamen eine Mitgliedskarte, die auch als Zertifikat für vorbildliches Benehmen als Herr diente. Jetzt wurde mein Ehrverlust also auch noch ausgezeichnet.

Die wahre „Master Card“ *ba dum tsss*

Ich schäme mich

Zuhause angekommen musste ich jemanden von meinen traumatischen Erlebnissen erzählen. Eine alte langjährige Freundin musste mich aufklären: Wie waren Maid Cafés zu betrachten? Doch kaum hatte ich Maid Cafés erwähnt, sagte sie nur:

„Ach, ich wollte auch immer in einem Maid Café arbeiten und süße Kleidchen tragen.“

Eine moderne Frau, die Karriere machte, durch die Welt reiste und mehrere Sprachen sprach, hegte insgeheim den Wunsch im Röckchen herumzutanzen und ihren „Herrn“ zu bedienen?

Verwirrter als vorher hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste meiner Freundin beichten, was geschehen war! Ich nahm meinen Mut zusammen und erzählte ihr, wo ich mich herumgetrieben hatte. Doch sie sagte nur:

„Ach, ich wollte auch immer in einem Maid Café arbeiten und süße Kleidchen tragen.“

Auch als Maid konnte Frau anscheinend wenigstens kurz vor der Welt fliehen und musste sich nicht fragen lassen, wann man denn endlich heiratet und Kinder bekommt.

Fazit

Ich persönlich finde das Konzept noch immer skurril, aber meine Vorbehalte, dass so ein Café besonders anrüchig oder frauenfeindlich sei, konnten sich nur teilweise bestätigen.

Stattdessen empfinde ich den ganzen Laden eher als traurigen Auswuchs der japanischen Gesellschaft, die es nicht schafft Abweichler zu akzeptieren und Individuen, die unfähig sind mit anderen Menschen umzugehen, beziehungsweise zu viel Angst haben davor.

Was denkt ihr? Sind Maid Cafés frauenfeindlich? Und wären Maid Cafés in Deutschland möglich oder würden die Menschen auf die Barrikaden gehen? Und seid ihr auch der Meinung, dass gesellschaftlicher Druck allerlei kuriose Blüten treibt? Schreibt es in die Kommentare!

Hier ist der Link zum @home Maid Café, in dem wir waren: http://www.cafe-athome.com/en/

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Bonus: Ein Video auf YouTube, in dem Maids interviewt werden. Was denkt ihr über ihre Meinungen?

 


2 Kommentare

BlueSiren · 4. Juni 2018 um 17:50

Ahoi!
Ich hab in Tokyo damals sowohl ein Maid als auch ein Butler Café besucht – einfach um das mal mit eigenen Augen zu sehen. Während das Butler Café wirklich einen auf englische Royalty gemacht hat (Stuhl rausziehen, edle Teetassen, Typen mit Monokeln) war das Maid Café mehr wie ein Fast Food Schuppen, doch recht simpel eingerichtet und wir mussten auch das Essen Moe-Moe verzaubern.
Letztlich arbeiten die Mädels da ja freiwillig und es gibt durch die Regeln auch einen Schutz ihnen gegenüber. Ich muss sagen, ich mag Themen Cafés sehr! (Zumindest die, wo keine Tiere unter fraglichen Umständen gehalten werden wie im Eulen Café)

Dass Japan ein gesellschaftliches Problem mit Vereinsamung und zwischenmenschlichen Kontakten hat, empfinde ich leider auch so. Seien es die Hikkikomori oder die steigenden Single Haushalte und das zunehmende Online Leben. Host Clubs arbeiten ja auch mit einem ähnlichen Prinzip. Aufmerksamkeiten und ein bisschen Unterhaltung gegen Geld ohne die Verpflichtungen die eine Freundschaft oder Beziehung mit sich bringt. Auf kurze Sicht amüsant, auf lange Sicht eher traurig. 🙁

Interessante Artikel!
Liebste Grüße!

Babsi taucht ab (Juni 2018) • BlueSiren · 30. Juni 2018 um 14:30

[…] Maid-Cafés: Sexistischer Bockmist oder niedlicher Zeitvertreib? Die Japanexperten von Tokyomaniacs haben sich dazu ihre Gedanken gemacht. Maid-Cafés brauche ich in Deutschland nicht, aber Themen […]

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