In der Ferne lockt die Lehre

 

Es war eine laue Sommernacht in Tokyo und vom International Office flatterte eine E-Mail ins Postfach. Die Oberschule der Universität für Agrikultur Tokyo sendet SOS:

 

„Wir brauchen den Gaijin im Unterricht!“

 

Im Zuge der Internationalisierungswelle in Japan, die jetzt ganz hart am anrollen ist, sollen die kleinen Abiturienten in der Provinz auch etwas internationale Kultur kosten dürfen. Was ich dann eigentlich so unterrichtet habe, dazu komme ich gleich.

 

IKB Sphinx (56) lächelt zum Abschied

 

Ich habe mich für dieses Event kurz vor knapp angemeldet. Jetzt, wo ich endlich meine Arbeitserlaubnis bekommen habe, wollte ich endlich mal in dieses Metier einsteigen. Da kam die E-Mail gerade recht. Mit mir kamen 16 andere Guyjin*, die jeweils ihr Land in Englisch vorstellen sollten.

(*das ist die coole Art „Gaijin“ zu sagen, was Ausländer bedeutet)

So kam es, dass ich für einen Tag nicht nur der Repräsentant der Rikkyo Universität wurde, sondern auch der Stellvertreter Deutschlands im japanischen Hochland. Mit dieser untragbaren Last auf meinen durchtrainierten verantwortungsvollen Schultern beladen, machte ich mich auf den Weg nach Takasaki!

 

Sensei zeigt uns den Weg.

 

Nochmal zum Hintergrund: Das International Office der Uni hat immer solche Events in Petto für Austauschstudenten in Tokyo. Solltet ihr auch Austauschstudent sein in Japan, dann sorgt dafür, dass ihr auf jeden Fall auf dem Laufendem bleibt bei dem, was da rein kommt.

Ein Großteil der Gaijin kam von der Rikkyo, ein großer Teil von der Hosei Universität und eine einsame arme Seele von der Gunma Universität.

Das International Office hat alles für uns durch organisiert und sogar Shinkansen Tickets für uns gekauft! Und eine Mitarbeiterin hat uns dann auch bis zum Zug eskortiert. Manche würden das vielleicht manischen Kontrollzwang nennen, aber wir kamen nicht umhin das einfach „süß“ zu nennen, als Sensei uns solange zum Abschied gewunken hat, bis der Zug außer Sichtweite war.

Dann ging es los. Takasaki liegt etwa eine Stunde mit Shinkansen von Zentral-Tokyo weg.

 

Shinkansen!

 

SHINKANSEN!!111!!

 

Der Shinkansen ist sowas wie der ICE in Deutschland, nur in pünktlich (war klar dass der Spruch kommt). Ich und meine Begleiter saßen hintereinander in Fahrtrichtung (was nicht schwer ist, da hier anscheinend alle Sitze in Fahrtrichtung sind). Neben mir saß eine ältere japanische Dame die sich die Schuhe ausgezogen hatte und ihre baren Füße auf den Sitz hob. Es war ziemlich voll, aber nicht ganz unangenehm. Bis auf den Fußgeruch.

 

Krähen-chan (*12.05.2005 – † 11.06.2015) wartet auf Shinkansen von Typ Asama.

 

Ich ging nochmal meine Präsentation durch. War ich schon bereit? Ich hatte die Präsi gestern Abend erst kurz vor knapp fertig gestellt und jetzt sollte ich damit drei Unterrichtseinheiten füllen. Der Zweifel nagte, draußen breiteten sich Reisfelder vor dem Fenster aus und Takasaki wurde vom Lokführer angesagt. Es gab jetzt kein Zurück mehr. Jetzt hieß es:

 

SOS: Siegen oder Sterben.

 

Als wir ankamen, manövrierten wir uns zum Ausgang und hielten Ausschau nach den anderen Gaijin. Takasaki ist sehr provinziell und ausländisch anmutende Wesen werden schnell erkannt. Sie standen dann auch gleich draußen vorm Eingang. Wir waren die letzten, die noch fehlten.

Es fühlte sich an wie ein Treffen der Allstars: Die besten der coolsten Austauschstudenten Japans an einem Ort versammelt in gemeinsamer Mission: Wir bringen Bildung unters Volk! So unser Slogan.

Bzw. wäre er gewesen, wenn alle Deutsch sprechen könnten. Wie auch immer. Der grüne Gaijin-Bus stand schon bereit.

 

Der grüne Gaijin-Bus in Weiß.

 

Es wurde durchgezählt und wir in den Bus gequetscht. Alle Ausländer an Bord, die Drückerkolonne war bereit, jetzt schnell über die Grenze und Zigarillos ins Land schmuggeln. So kam es mir zumindest vor. Doch wir schmuggelten keine Zigarren nach Takasaki, sondern handfeste Bildung vom Feinsten.

Die Abiturienten der japanischen Highschool warteten schon sehnlichst darauf, sich unseren Keim der Erkenntnis in den Kopf pflanzen zu lassen, oder so ähnlich.

 

Spielende Kinder auf dem Baseballfeld mit Sportkleidung in Tarnfarben.

 

Und so kam es dann auch. Auf dem Baseballfeld spielten die Jungen ausgiebig und an der Treppe wartete ein Trupp japanischer Schulmädchen in Sportkleidung auf uns und winkten uns schüchtern zu. Unsere Begleiter gaben uns dann nochmal direkt zu verstehen:

KEINE FOTOS VON DEN KIDS!!!

Also Fotos schon (für privaten Konsum), aber nirgendwo hochladen bitte, denn es sind wehrlose Teenager. Gesagt, getan. Als Ausgleich für wehrlose Schulmädchen gibt es das nächste Foto:

 

Denkt euch einfach 15-jährige in die Klamotten rein.

 

Danach wurden wir in den Meetingroom eingewiesen und keine paar Minuten – nachdem wir gruselige japanische Highschooltoiletten aufgesucht haben – standen wir schon am Lehrerpult! Lehrer in Japan! Es geht los!

 

Schuhe wechseln!

 

I’m sexy and I know it.

 

Was jetzt? Was soll ich denen erzählen? Reichen meine Folien? Werden sie mich verstehen? Die Schulglocke läutet.

 

In dieser japanischen Schule geht der gute Geist der Erziehung um.

 

Erstmal zur Info: Die Schule hat uns angehalten alles auf Englisch zu halten. Wir waren also als quasi Nativespeaker eingeflogen worden, um einen Englischunterricht zu simulieren.

 

Sportfest! Bring den Hüftspeck mit!

 

Das unterliegende Thema war die Vorstellung des eigenen Heimatlandes. Bei der Präsentation habe ich mich dann darauf beschränkt, wenig Text zu nutzen und lieber Bilder erzählen zu lassen. Die Hälfte aus Google geklaut und die Hälfte aus meinem Fundus von Fotos aus meiner Zeit in Deutschland (damals, in der alten Zeit).

Und das ganze dann dreimal. Also drei Unterrichtseinheiten. Und es war wirklich anstrengend als Lehrkörper vor all den wissbegierigen Köpfen zu stehen und selbst nicht durchzudrehen. Hut ab, an alle Lehrkörper dieser Welt! Chapó! Oder so.

 

Mal kreativ, mal Werbung.

 

Im ersten Unterricht war ich noch ziemlich unsicher. Dennoch versuchte ich mein Bestes cool zu bleiben und paar blöde Witze einzubauen (die eh keiner verstand). Generell hatte ich nicht gerade das Gefühl, dass mich die japanischen Schüler wirklich verstanden haben. Zum Glück konnte ich ja die Bilder zeigen und nebenbei etwas Japanisch einwerfen.

 

Sag mir: Hast du dich verdient gemacht?

 

Doch dann! Ein Funken von Interesse! Spätestens als ich „typisch deutsche Gerichte“ vorstellte, kamen die ersten „oishii’s“ [Anm. d. Red.: dt.: lecker] aus den Reihen. Als ich diesen Funken vernahm, versuchte ich das Interesse immer weiter zu entfachen und es gelang, eine lebhafte Stunde durchzubringen.

 

Deine Zeit ist gekommen!

 

Die zweite Klasse war die lebhafteste von allen. Das heißt aber nicht, dass viele Kommentare oder Fragen aus den Reihen kamen. Es war ziemlich still. Viele schienen zu schüchtern, vor allem auf Englisch eine Frage zu stellen. Doch plötzlich, meldete sich ein Schüler, nachdem ich mitteilte, dass Japanisch zu fragen auch voll okay ist. Dann stand er gehorsamst auf und fragte:

 

„Sensei! Sind Sie verheiratet?

 

In der Tat waren die einzigen Fragen, die ich und meine Kollegen bekamen, diese. Auch als die Schülerinnen vor mir dachten, ich könnte sie nicht verstehen, lauschte ich einfach nur innerlich lachend.

 

„Der Sensei ist echt hübsch.“

 

Ja, da haben sie recht. Was soll man auch anderes sagen? Aber warum wird das immer nur von entweder 15-jährigen oder von 40-jährigen gesagt? Ich wurde eindeutig in die falsche Generation geboren. Ich bin meiner Zeit vorraus. Oder hinterher. Aber auf jeden Fall bin ich Avantgardist! In den nächsten Stunden kamen dann weitere Fragen.

 

„Sensei! Haben Sie eine Freundin?“

 

Effektiv wurden das wirklich alle gefragt. Diese Fragen bezeugten schon mal das Interesse an fremden Kulturen. Oder zumindest, am fremden Sensei. In der letzten Stunde wurde ich dann erwischt, vom Fluraufseher, wie ich versuchte etwas heimlich auf Japanisch zu erklären.

 

„Japanisch ist hier verboten!“, schallte es aus dem Flur auf Japanisch. Also mühten wir uns auf Englisch ab.

 

Japanischfreie Zone

 

Über was habe ich da eigentlich referiert? Zum einen über deutsches Essen, weil Japaner halt auf Essen stehen. Dann natürlich über Fußball, Reiseziele und eigene Erfahrungen in Deutschland. Auch über andere leichte Themen habe ich referiert, wie die japanisch-deutsche Kriegsvergangenheit, Atomausstieg nach Fukushima und Merkels Haarschnitt.

 

Komm in die Provinz!

 

Rückblickend muss ich vielleicht sagen, hätte ich entweder A) alle Folien auf Japanisch schreiben sollen, damit alle verstehen was ich überhaupt sage, B) nicht versuchen zu sehr ins Detail zu gehen und C) beim nächsten Mal noch mehr, noch bessere Fotos und noch besser alles erklären, dass alle noch mehr Bock bekommen, nach Deutschland zu kommen und D) nicht mehr so viel Fukushima einbauen.

Am Ende gab es dann eine Gala für uns in der Aula. Und die japanischen Schüler sind alle so süß! Alle winken ständig, die Mädchen drehen sich schüchtern weg und die Jungs wollen einem die ganze Zeit High Five geben.

So eine Atmosphäre würde in einer deutschen Schule nie durchgehen. Da kriegste höchstens High Five mit ’nem Stuhl ins Gesicht, wenn du nicht der Babo bist.

Als wir in die Aula kamen, standen dann plötzlich einige japanische Schulmädchen geschockt um einen von der Hosei-Universität und starrten auf sein Handy und lachten unter vorgehaltener Hand. Auf dem Display war ein Foto von einem Mann. Der von der Hosei zeigte den Mädels ein Foto von seinem Freund. Und die kleinen Schulmädchen nur so: 

 

„Ernsthaaaaaaaft????!!!?!?1“

 

Den Mädels wurde wohl mal ordentlich der Horizont erweitert. 

Schließlich wurden uns japanische Daruma-Puppen überreicht, die eine Art Maskottchen für die Gunma-Präfektur sind. Das sind diese Puppen, wo man ein Auge ausmalen muss, wenn man sich was wünscht. Geht es in Erfüllung, darf man das zweite Auge ausmalen.

 

Daruma, bereit meine Wünsche zu erfüllen

 

Dann gab es noch Gruppenfotos mit der ganzen Aula und danach ging es wieder in den Gaijin-Bus.

Im Bahnhof von Takasaki habe ich dann noch ordentlich Omiyage für die Leute meines Circles besorgt. In Japan ist es nämlich üblich, wenn man woanders hingeht, kleine Geschenke mitzubringen.

Weil ich der integrationswillige Guyjin bin, habe ich dann natürlich (die billigsten) Süßigkeiten für meine teuren Freunde geholt.

Auf der Packung sieht man schließlich wieder den roten Daruma und das Ding rechts ist Gunma-chan, das echte Maskottchen von Gunma. Es gibt sogar einen Gunma-chan Shop.

 

Süßkram für Wampenzucht

 

Okay, das war es dann erstmal für diese Woche. Stay tuned für weitere Einträge.

 

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BONUS:

Gunmashop im Bahnhof von Takasaki!

Geisha und japanischer Lokführertarifvertragspartner: Ein Paar für die Ewigkeit.

Süßkram für naschwilliges Volk


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