Welches Wort für „Ich“ benutzt ihr eigentlich im Japanischen? Seid ihr mehr so ein „Watashi“ oder eher ein „Boku“?

Für eine angeblich so kollektivistische Gesellschaft, gibt es in Japan unzählige Worte, mit denen man das „Ich“ betonen kann.

Je nachdem, welches „Ich“ man benutzt, gibt man sehr viel über sich, seinen Status und seinen Charakter preis. Ich will euch auf seriöse Weise ein paar „Ichs“ vorstellen und von euch wissen, welches ihr selbst benutzt. 😄

 

Watashi:

Du bist so standard und universell, dass dich deine Freunde oft einfach Max oder Erika Mustermann nennen? Dann ist „Watashi“ deine Wahl. Watashi ist der All-time Favorite aus dem Lehrbuch und das „Ich“, mit dem man gleich von Beginn an genervt wird. Wenn du dich also nicht entscheiden kannst, ist Watashi immer eine gute Wahl.

Warnung: Übermäßiger Gebrauch (außerhalb von formellen Situationen) kann bei Männern dazu führen, als etwas „feminin“ wahrgenommen zu werden.

Abwandlungstipp: Wer noch formeller sein will, macht aus Watashi einfach „Watakushi“, um seinem Gesprächspartner den Höflichkeits-Overkill zu verpassen. Und ältere Semester können auch mit rauchiger Stimme „Washi“ sagen.

 

Atashi:

Du bist weiblich und möchtest deine Weiblichkeit betonen? Dann ist Atashi deine Wahl. Wie in asiatischen Sprachen nicht unüblich, gibt es auch im Japanischen zu einem gewissen Grad eine spezifische Wortwahl für Männer und Frauen. Aus diesem Grund ist dieses „Ich“ exklusiv für die Weiblichkeit.

Warnung: Übermäßiger Gebrauch kann bei Männern dazu führen, die eigene Weiblichkeit zu betonen.

 

Boku:

Du bist wunderschön, hochintelligent und bescheiden? Dann ist Boku deine Wahl. Kein Wunder also, dass Senpai und ich dieses Wort gebrauchen. Übersetzt bedeutet es „Knecht“ und es wird vor allem für kleine Jungs gebraucht.

Warnung: Seit einiger Zeit jedoch benutzen aber auch einige Mädchen (wie die Idol-Band AKB48) diese exklusiv männliche Form, um in den Genuss der Strahlkraft von Boku zu kommen. Wer kann es ihnen verdenken?

 

Ore:

Du bist ein Teenage Badboy, dem alles Wurst ist und der seine Coolheit betonen will? Dann ist Ore genau richtig für dich. Als eine der ältesten Formen ist Ore ein Fragment aus der Edo-Zeit, als Samurais noch was zu sagen hatten. Heute ist diese Form unter jungen Männern beliebt, wenn es nicht formell zugeht.

Warnung: Übermäßiger Gebrauch kann als Versuch gesehen werden, angestrengt cool und jugendlich zu wirken.

 

Sessha:

Du möchtest hervorheben, dass in dir das Herz eines geschulten Samurais schlummert, aber gleichzeitig andeuten, dass du etwas tollpatschig bist? Dann ist „Sessha“ (wörtl.: „ungeschickte Person“) deine Wahl!

Warnung: Übermäßiger Gebrauch kann den Eindruck erwecken, besonders nobel klingen zu wollen.

 

Jibun:

Du bist ein sportlicher Typ, der gerne seinen Kampfgeist unter Beweis stellt? Dann ist Jibun genau das richtige für dich. Eigentlich bedeutet das Wort einfach: „Selbst“.

Warnung: Übermäßiger Gebrauch kann auch den Eindruck erwecken, du wärst ein unterwürfiger Soldat.

 

Kocchi:

Du bist eher gelassen und ein bisschen lustig drauf? Dann könnte „Kocchi“ genau dein Ding sein. Im Grunde bedeutet es einfach: „hier“ und ist mehr eine Richtung, als ein echtes „Ich“.

Warnung: Übermäßiger Gebrauch kann dazu führen, dass man seinen Gesprächspartner „Socchi“ nennt („dort“).

 

Oira:

Dir ist total egal, was andere über dich denken, und wenn du redest, dann nur im ironisch zynischem Ton, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten? Dann ist Oira genau das richtige für dich.

Warnung: Übermäßiger Gebrauch kann dazu führen, dass Leute denken, du wärst ein Hinterwälder aus der Provinz ohne akademischen Grad. Aber das ist dir ja eh Wurst.

 

Ore-sama:

Du denkst, die wundervollste Person auf der Welt ist die, die du jeden Tag im Spiegel siehst? Dann nenne dich einfach „Ore-sama“.

„Sama“ nutzt man eigentlich für andere Personen, wenn man sie besonders hoch schätzt, aber wer hat das bestimmt? Genau, also benutze es einfach für dich selbst! Das „Sama“ kann man übrigens an jedes „Ich“ klatschen, wenn man sich selbst geil findet.

Warnung: Übermäßiger Gebrauch kann dazu führen, dass man als Freak betrachtet wird, der zu viele Anime guckt und Videospiele spielt.

 

Chin:

Du bist der Kaiser von Japan und hättest gerne ein „Ich“, das nur du benutzen darfst? Dann ist „Chin“ genau das Richtige für dich, um deine blaublütige Ader zu betonen!

Warnung:  Falls du nicht der Kaiser von Japan bist, kann übermäßiger Gebrauch dazu führen, dass Ultra-Nationalisten deinen Garten mit schwarzen Vans besetzen und die großostasiatische Wohlstandssphäre ausrufen.

 

In der dritten Person von sich reden:

Du bist der Meinung, das „Ich“ ist der Beginn des „Ego“ und somit von der Trennung des Selbst von allen Dingen dieser Welt, die in Wahrheit alle verbunden sind? Dann kannst du das dadurch betonen, indem du einfach kein „Ich“ benutzt und einfach von dir selbst in der dritten Person sprichst. Denny macht das auch manchmal.

Warnung: Unbewusste Menschen könnten versuchen, dich zurück in eine Welt zu ziehen, in der das Ego regiert.

 

Jetzt seid ihr dran? Kennt ihr noch mehr „Ichs“ und habt ein bestimmtes Bild dazu? Und welches „Ich“ passt am besten zu eurem Charakter? Schreibt es in die Kommentare! 😄

Zusätzliche Warnung: Die Liste ist weder erschöpfend, noch sprachwissenschaftlich akkurat. Und alle Beschreibungen der „Ichs“ entsprechen meinem persönlichen Eindruck und sind nicht repräsentativ für irgendwas.

 

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5 Kommentare

Jakob · 29. April 2018 um 21:59

Hey Denny!
僕も「ボク」です。
Als ich noch ein Anfänger war, sagte mir mal ein Tandempartner es wäre nicht angebracht als Japanischanfänger etwas anderes als わたし zu verwenden.
Das habe ich dann freundlich ignoriert 🙂

    Denny · 30. April 2018 um 4:58

    Willkommen im Boku-Club, bei den Reichen und Schönen! xD

    Ja, das meinte ich in einem der anderen Blogartikel auch, dass gerade Lehrer (oder auch Tandempartner), dich immer in eine bestimmte Richtung puschen, weil sie denken, dass das das Beste für dich wäre. Und mit Watashi kann man natürlich erstmal nicht viel falsch machen. Ich glaube der Tandempartner hatte Angst, dass du dann irgendein obskures Ich benutzt und dann alle auf dem Tandempartner herumhacken, warum er dir nur Quatsch beibringt. Ich denke, das ist Sebstschutz deines Partners, damit dieser das Gesicht nicht verliert oder so ein Kram.

Denise · 30. April 2018 um 18:34

こんにちは。

Da ich noch zu den Anfängern gehöre, nutze ich 私.
Mit femininem Kram konnte ich nie viel anfangen (so ganz allg.), folglich wäre あたし gar nichts für mich, den Klang mag ich schon nicht. 僕 fände ich ganz cool. Für mich ist das etwas typisch Männliches, klingt ein bisschen härter, ist kurz gehalten, unkompliziert, einfach „boku“. Als Frau wirkt das wahrscheinlich aber komisch.
Was ich für mich sehr passend fände wäre: オイラ, denn „nur im ironisch zynischem Ton, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten“ ist im Alltag mein deutscher Dauerton.
Zur Abwechslung こっち nutzen und – wie in deiner Warnung – den Gesprächspartner versehentlich そっち nennen, wäre dann eine eindeutige Aussage, die nochmal alles abrundet. 😀 Da musste ich schon ziemlich lachen beim Lesen. 🙂

Gruß
V.D.

    Denny · 2. Mai 2018 um 14:07

    Haha, dankeschön. Ja, Boku ist einfach das beste Ich 😉 Ich denke für dich wäre Kocchi oder Uchi ganz interessant, da es auch weniger ein Ich, als mehr eine Richtung ist (Die hier).

Gesuhen · 14. Juni 2018 um 2:07

おいら habe ich bisher nur von Frauen gehört, und von sich in der dritten Person sprechen ist prinzipiell auch nur für kleine Mädchen, nicht? Als Kansai-Mensch nicht vergessen: うち für die lässige, bodenständige Frau, die auch mal in Jogginghosen auf die Straße geht. Übrigens wird 自分 im Westen eher für „du“ verwendet, 「自分どう思う?」とか
Unter den Yankee-Mädchen gibt es noch あたい

ぼく für Frauen gibt es übrigens schon wesentlich länger als AKB48. Morita Dôji etwa, eine meiner Lieblingssängerinnen, hat das schon vor Jahrzehnten benutzt, und sie wird nicht die Erste gewesen sein.

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